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Denk ich an Deutschland in der Nacht

27. August 2015

20140510-DSC_0619-2Sie marschieren wieder! Entladen ihren Frust über eigene Unfähigkeiten,  ihre Angst geltenden Lebensstandard einbüssen zu müssen, ungebremst und gewaltig über den Köpfen tausender unschuldiger und verzweifelter Flüchtlinge. Seit Anfang diesen Jahres überrollt Europa eine nie zuvor gekannte Welle von Kriegsflüchtlingen aus Afrika und Asien. Syrer, Iraker, Afghanen landen völlig entkräftet, mit nichts mehr an Habseligkeiten, ausser dem was sie am Leib tragen oder mit den Händen zu tragen vermögen, an Europas Küsten oder Grenzen. Sie kommen über den Landweg via Türkei oder in einem der vielen maßlos überfüllten Flüchtlingsboote auf unseren Kontinent. Sie alle hegen die Hoffnung, Krieg, Gewalt, Bombardements, Tot, Hunger und Verlust, Tränen und Verzweiflung, hinter sich lassen zu können. Ihren letzten Taler haben sie zusammengekratzt und es verbrecherischen Schlepperbanden in die dreckigen Pfoten gedrückt. Idioten, die sich dafür bezahlen lassen, das sie wissendlich den Tod von den Ärmsten der Armen in Kauf nehmen. Wochen oder Monate sind die Flüchtigen unterwegs. Ohne eine warme Mahlzeit, ohne ausreichend Wasser, unterwegs gibt es weder Raststätten noch saubere Toiletten oder irgendein Hauch Hygiene, kein Drive-In oder Supermarkt, um erschöpfte Vorräte aufzufüllen. Die Hoffnung auf Frieden treibt sie an.  Sonne, Wind, Regen, Sturm und Wind, die Strasse ist ihr zu Hause vorangetrieben von  der Hoffnung auf Sicherheit und Frieden. Ihnen gehört NICHTS! Nur das was sie auf dem Leib tragen. Kleine Kinder, Familienväter, Mütter, Großeltern. Menschen die  von der Verzweiflung gezeichnet, vor Freude weinen wenn ihre Füsse europäischen Sand unter den Sohlen spüren. Ganze Familien, Generationen kehren dem Mord den Rücken und hoffen auf eine reichende Hand. Einmal wieder ohne Angst schlafen. Einmal nur wieder satt essen. Duschen wäre schön. Vielleicht ein sauberes T-Shirt. Keiner der aus einem Kriegsgebiet flüchtet, flüchtet weil er in Europa das Schlaraffenland erwartet. Er will leben. LEBEN! Nicht mehr!Nicht weniger! Und dann kommen sie hier an. Mit grossen Augen schauen die Kinder fragend ihre Eltern an. Hoffnungsschimmernde Blicke weichen ängstlichen. Vom Regen in die Traufe. Anstatt das Brot mit Ihnen zu teilen, schlägt Ihnen unverblümter Hass entgegen. Ich muss die Orte nicht nennen in denen der Fremdenhass ein ganz besonders hässliches Gesicht zeigt. Gestern Abend ging ein Bild um die Welt welches so erschreckend wie radikal und todtraurig zu gleich ist. Erschreckend weil da eine junge Frau, vielleicht Mitte 20, vor einem Flüchtlingsheim thront und der Kanzlerin ein Plakat entgegenstreckt auf dem ‚Volksverräterin‘ steht. Todtraurig- weil ich im Leben nicht begreifen werde was diese Frau denkt das Ihr die Flüchtlinge wegnehmen? Gehässigerweise würde ich sagen- bestimmt nicht ihren Speckbauch und das hässliche Top. Glaubt sie ernsthaft, das ihr HartzIV- Satz gekürzt wird, wenn wir mehr Flüchtlingen ein Asyl bieten?  Wird unser Lebensstandard wirklich sinken nur weil wir anderen Kulturen ein Obdach und eine Zuflucht bieten? Werden wir dümmer dadurch, ärmer, anders? WAS?! ist es wovor so junge Frauen und Männer Angst haben? Ich habe noch nie davon gehört das Syrer kleine deutsche Kinder nachts klauen.WAS?! denkst Du das diese armen Menschen die gerade dem Kugelhagel des IS entkommen sind von Dir wollen? Glaubst Du  das sie fröhlich ein Lied trällernd ihr brennendes Dorf verlassen haben? Das Flucht so harmlos wie eine Klassenfahrt ist? Ja! Das gebe ich zu! Es sind viele Menschen die hier ankommen. Jeder Krieg, jeder Konflikt verursacht Flüchtlingsströme ungekannten Ausmasses. Erinner Dich an 1945 als Hitler kapitulierte und massenweise Trecks sich über Deutschland ergossen. Wir sind daran nicht gestorben auch wenn Flüchtlinge selbst damals beschimpft und ausgegrenzt worden sind.  Das nämlich ist des Pudels Kern. Die junge Frau und all die grölenden Menschen fürchten nicht die Überfremdung. Sie fürchten um ihren Lebensstandard. Da kann der Pastor sonntäglich noch so oft zitieren das Nächstenliebe eines der  Gebote ist. Ihr liebt Euren Nächsten nur soweit er Euch nicht stört.

Ja! Ihr seit Pack! Der Gabriel hat da vollkommen Recht. Weil Ihr genau bis zu Eurem Gartenzaun denkt und nicht darüber hinaus. Das Bild welches gestern Abend über den Äther flimmerte lässt mich nur schwer los. Genau genommen macht es mich nach PEGIDA erneut fassungslos und so unendlich traurig!

Ist es so schwer sich beim Amt zu melden, sich freiwillig zu verpflichten die Schwemme der Flüchtlinge mit aufzufangen durch sozialen Dienst, die Unterstützung der Beamten bei der Bearbeitung der Asylverfahren, einer Geldspende oder einfach nur mit einer Hand die zum Gruss gereicht ‚Willkommen-ihr seit in Sicherheit“ sagt? Bricht Euch ein Zacken aus der Krone mal nicht um sozialen Luxus zu bangen? Könnt Ihr vielleicht ein kleines bisschen TEILEN?  Keiner der Flüchtlinge ist freiwillig hier. Und könnten sie weiterhin in Syrien in Frieden leben glaubt mir, IHR! die ihr da braune Parolen johlt, sie würden es tun!

Denk ich an Deutschland in der Nacht…..

Im Meer weniger Plastik

29. Juni 2015

BeachcleanIch bin wütend. Ich brauche Luft. Ich muss das hier mal anbringen! Unsere Meere ertrinken im Plastikmüll, Millionen Seevögel verhungern und das trotzdem ihre Mägen gut gefüllt sind, gefüllt mit Mikroplastik. Immerhäufiger verwechseln Möwen, Kormorane und ihre freunde Nahrung mit im Ozean trudelnden Plastikresten der Industriegesellschaft. Im Ozean rotieren riesige Strudel voll Plastikabfällen beständig vor sich hin und bringen Meeressäugern den sicheren Tod. Einst als Wunder der Moderne gefeiert mutiert PET, APT und Co zum Fluch. Früher in der Grossstadt hat mich die Umwelt sicherlich tangiert. Früher in der Grossstadt hab ich aber auch nicht den Dreck in seiner ganzen Vielfalt gesehen den wir achtlos wegwerfen und verursachen. Früher in der Grossstadt durchkämmten tagtäglich städtische Angestellte der Müllabfuhr die Strassen, Parks und öffentlichen Anlagen auf der Suche nach nicht fachgerecht entsorgtem Müll. Das Meer kann sich keine Angestellten leisten und so erlebe ich, seitdem ich auf Fehmarn lebe hautnah mit, was wir unserer Umwelt wirklich antun. Achtlos werden Plastikflaschen am Strand liegen gelassen, Kippen in den Dünen ausgetreten ( eine Zigarettenkippe verbleibt 10 Jahre im Kreislauf der Natur bis sie vollständig abgebaut ist), von Urlaubern vergessene Kinderschaufel, Schwimmbälle, Umverpackungen wie Bonbon- und Kekspapier tanzen im Wind oder träumen, den gnadenlosen Wellen zumVerzehr am Strand ausgesetzt, von besseren Zeiten. Es findet sich soviel Müll  am und im Meer, dass es mich friert. Was tun wir uns an? Bei Plastik funktioniert die Geschichte mit aus dem Augen aus dem Sinn nicht. Kunststoff braucht Jahrzehnte, um von der Bildfläche zu verschwinden und selbst dann, gelangt er als gefährlicher Mikroplastik in unsere Nahrungskette. Denn ein Schwimmflügel oder achtlos in die Luft geschickter Luftballon sind heute vielleicht nicht zwingend  kaubar, in ein paar Jahren aber schon. Denn: Plastik der Sonne, dem Wind und dem Meer ausgesetzt verrottet langsam, bis es irgendwann in mikrofeine Teilchen zerbröselt, welche im Magen von Seevögeln, Fischen und anderen Meeresbewohnern landen. Und diese wiederum landen irgendwann auf unserem Tisch.  Ich habe keine fundierte Ahnung darüber, was dieses ganze Mikroplastik vermag anzurichten. Gesund wird’s jedoch nicht sein. Was ich weiß ist, das ich mich definitiv nicht bewusst damit krank machen will. Glücklicherweise teile ich diese Meinung mit vielen anderen Plastikphobikern.  Es gibt eine Vielzahl Menschen die bereit sind, die Sinne für einen sensiblen Umgang mit Plastik zu schärfen. Hier auf Fehmarn hat die Initiative „Im Meer weniger Plastik“ die Vorreiterrolle übernommen. Gemeinsam mit den Strandpaten Fehmarn, dem Verein Wassersport Fehmarn e.V., der Surfrider-Foundation, Bündnis 90/Die Grünen, dem NABU Wasservogelreservat Wallnau und dem Umweltrat Fehmarn soll die Geschäftswelt an den freiwilligen Verzicht und einen sinnvollen Umgang mit Plastik herangeführt werden. Der Tourismusservice mischt auch mit. Ich finde es toll- wirklich! Besonders die Strandpaten, die Surfrderfoundation und der Wassersportverein machen sich Gedanken und viel, viel Mühe um die Insel plastikärmer zu machen. Vor ein paar Wochen wurde sogar der Umweltminister angekarrt, um dem Ansinnen „im Meer weniger Plastik“ Nachdruck zu verleihen. In der Zeitung nachzulesen war, das auf Fehmarn ein freiwilliger Verzicht auf Einwegtüten und somit ein neues Zeitalter des Shopping eingeläutet würde. Ich fand es eine megatolle Initiative. Vor allem weil auch die Politik mit von der Partie ist. Nun aber mein Frust. Eine Woche nach der grossartigen Verkündung kann ich das verstehen das noch Plastiktüten ausgegeben werden, vielleicht auch zwei- schließlich dauert so ein Änderungsprozess immer einen Moment. Aber solange schon und immer noch wollen mir die KassiererInnen bei Stolz eine Tüte mit auf den Weg geben, hängen bei Rossmann die kostenlosen TütChen direkt an der Kasse, von Aldi ganz zu schweigen, auch LidL ist nicht besser und die Lieblingssupermärkte der skandinavischen Nachbarn sehen noch immer aus wie Schlachtfelder, wenn mittags die Reisebusse längst schon wieder auf der Fähre Richtung Rødby sind. Mich ärgert das alle grosse Reden schwingen für ein Portfolio in der LN und nichts wirlich dabei herumkommt.  Herr Habeck säubert nicht wöchentlich den Strand vom zurückgelassenen Müll der Surfkarawane- den Job übernehmen vollkommen unentgeltlich die Strandpaten ( meinen ganz besonderen Dank habt Ihr dafür).  Und auch das beliebte Argument ansässiger  Geschäftsleute die Kundschaft (insbesondere die Touristen) bestünde auf den Tüten.  Und würden Sie diesem Wunsche nicht gerecht, so blieben die zahlungskräftigen Kunden am Ende noch aus halte ich  für wenig strapazierfähig. Ich sehe viele Urlauber mit ihrem KörbChen zum Markt marschieren. Ich glaub denen macht das nichts aus auch mal einen Euro für einen Stoffbeutel auszugeben wenn jemand sich die Mühe machten würde Ihnen zu erklären Warum! Und das ist der Punkt- mir wird viel zu wenig auf dieses sensible Thema hingewiesen. Jemand der aus der Stadt ans Meer kommt hat ja nicht unseren Bezug zum Thema. Warum klären wir zu wenig auf, warum haben die Kassiererinnen nicht den Mut ihre Kunden zu bitten auf Plastik zu verzichten, warum geben wir nach wenn der wirtschaftliche Druck mal wieder zu stark ist.

Was ich im Rahmen einer Kampagne „Im Meer weniger Plastik“ zum Beispiel überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist der Umstand das ein vom Tourismusverein begleitetes Fest FressBüdChen zulässt, welche ihr Sortiment in Einwegplastik an die Leute vertickt. Warum wird bei Veranstaltungsplanung nicht gleich mit dafür gesorgt das die Imbissbudenbetreiber Mehrweggeschirr verwenden? Gegen Pfand den Teller rausrücken kann doch nicht unmöglich sein. Es erfordert einen Hauch logistisches Engagement- das gebe ich zu. Aber niemand kann mir erzählen das es nicht geht. Das geht sogar auf der weltweit grössten Surfveranstaltung in Sankt Peter Ording.

Ich muss meinen Groll hier und jetzt loswerden.  Denn im Grunde fühle ich mich verarscht. Jeden März laufen wir stundenlang rund um die Insel, um hunderte Kilo Müll vom Strand und den Dünen zu klauben. Allwöchentlich erledigen die Strandpaten diesen Job fast unsichtbar und freiwillig.  Und dann kommt im Frühsommer ein Schlipsträger aus Kiel, propagiert eine ernstzunehmende und sehr löbliche Kampagne, lässt sich hübsch für das Wahlkampfprotokoll ablichten, verschwindet wieder und nichts ändert sich. Mir hätte gereicht das vielleicht ein Supermarkt dem Beispiel des grössten Surfshops auf der Insel folgt und mit alternativen Taschenformen und Themensensibilisierung den Kunden das Dilemma näher bringt. Ein kleines Schild im Kassenbereich mit der Bitte um das Verwenden von Stoffbeuteln und Co reicht doch schon. Vielleicht hängt Rossmann noch die Einwegtüten ab und Stolz gibt seine nur noch gegen Bares aus dann wären wir auf einem guten Weg. Ich fühlte mich ernstgenommen. Viele Insulaner vielleicht auch.

In diesem Sinne eine schöne Woche!

Der Möhrenkuchen

2. Juni 2015

2015-06-02 17.00.09_resizedWenn die Hälfte Deines Lebens beginnt, sich an dich anzupirschen und auf Tuchfühlung zu gehen, schleichen sich von Zeit zu Zeit  Bilder der Vergangenheit in den Sinn.  Mit 40Plus  darfst Du ganz ungenierlich ab und an in nostalgischen Erinnerungen schwelgen.  Ich hab auch schon ein paar gesammelt. Gute Momente, zauberhafte Begegnungen, unvergessliche Tage, besonders heiße Sommer, tief verschneite Winter, Erinnerungen an dampfenden Kakao, blitzende Augen, Kinderlachen, Papas starke Arme die mich durch die luft wirbeln, verstecktes Händchen halten, Herzklopfen, Liebeskummer…ein paar unschöne, traurige emotional geladene Episoden gehören selbstverständlich auch dazu.  Erinnerungen die ganz unterschiedlich präsent sind. Einige ganz besonders intensiv und treu andere eher verblassend kaum mehr wahrnehmbar. Und dann die eine, die immer wiederkehrende, anfangs etwas schmerzliche, doch heute wunderschöne Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Der Möhrenkuchen-  Zauberhaft nicht?! Das ein Möhrenkuchen,  Bilder und grandiose Erinnerungen  herauf zu beschwören vermag. Es sind weder geschmack noch Aroma, wenngleich Beides sensationell ist. Es ist  nicht irgendein schnöder Möhrenkuchen. Es war der erste Möhrenkuchen meines Lebens. Ich bekam ihn zum Weihnachtsfest gebacken zusammen mit dem, auf einem blauen Briefbogen, handgeschriebenen Rezept. Kitschigerweise standen wir im ersten Flockenwirbel des Jahres und ich schälte einen verführerisch duftenden Möhrenkuchen aus dem Weihnachtspapier. Die Erinnerung an diesen Moment ist für mich ganz besonders. Sie  schleicht sich jedesmal an, wenn ich heute einen Möhrenkuchen backe, zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Ja! Ich back den Kuchen noch heute und nach genau dem Rezept vom blauen Briefbogen. Nein! Paul ist nicht eifersüchtig. Ihn amüsiert meine Sentimentalität. Wie unbeschwert und sorglos damals alles war.  Ich back den Kuchen oft. Im Grunde genommen ist es der einzige Kuchen den ich vernünftig backen kann.  Und ich back ihn nicht um einen Vorwand zu haben, mich an diese, am Ende, zumindest für mich, etwas schmerzliche Liaison zu erinnern, sondern weil der Möhrenkuchen und ganz speziell der Möhrenkuchen nach diesem Rezept so himmlisch mundet. So drei- oder viermal im Jahr raspele ich 4 große Möhren. Dabei erinnere ich mich genau an die Küche, wo wir nach dem ungewöhnlichen Weihnachtsgeschenk zum ersten Mal unsere Fingerknöchel aufschrammten, weil wir vor lauter Knutscherei nicht auf das Ende der Möhren achteten. Wieviele Jahre ist das jetzt her? 12, 15, 18 Jahre? Ich weiß das nicht mehr so genau. Ich war naiv und jung und verliebt- in den Möhrenkuchen und strahlend blaue Augen. Das Ende war unrühmlich. Ich hab mich, unerfahren wie ich war, auch nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert. Aber bis es soweit war schwebte ich monatelang irgendwo über Wolke 7 im rosaroten Himmel voller Liebesgeigen und buck Möhrenkuchen um Möhrenkuchen. Nachdem ich mich, viele Wochen später, endlich vom unsanften Sturz auf den Boden der Realität, zu erholen begann, sperrte ich für’s erste das handverfasste Rezept nach ganz unten in eine dieser Erinnerungskisten. Meine vollständige Genesung sollte etliche Zeit in Anspruch nehmen. Oh ich glaube erst als mich das nächste Mal so richtig verknallt hatte, wagte ich einen Möhrenkuchen zu backen. Bei der Zubereitung wurde nie wieder geknutscht. Die Finger sind auch heilgeblieben. Dennoch, jedes Mal wenn ich die Möhren raspele, den Sherry mit einem ordentlichen Schwung zu den 400g gemahlenen Haselnüssen und ebenso viel geraspelten Möhren, den 6 Eigelb und 100g braunem Zucker gebe muss ich schmunzeln. Wenn der Typ wüsste das ich bis heute das Rezept aufbewahrt habe und mehrmals im Jahr seinen Möhrenkuchen backe. Und dann auch noch an unsere kurze gemeinsame Zeit denke. Oh wei. Wie gut das Erinnerungen unsere eigenen sind. Ich gebe bis heute eine Prise Salz ins Eiweiß damit es wirklich schnittfest nach dem Schlagen ist. Bis heute wird es danach ganz sanft unter den Teig gezogen. Ganz selten fehlen Sherry oder Rum- grosszügig bemessen. Und bis heute beträgt die Backzeit 55 Minuten und 10 obendrauf. Einzig den Guss habe ich abgeändert. Statt Schokolade nehme ich ordentliche Butter und eine gehörige Portion Schmand. Mixe beides mit Holunderblütensirup, Limettensaft und etwas Schale einer ÖkoLimette.  Fast könnte der Eindruck entstehen ich zelebriere das Backen von Möhrenkuchen. Ganz unrichtig ist dieser Eindruck nicht. Ich erinnere mich gerne zurück an jene Tage- irgendwie ja so ganz ohne Groll, Wehmut oder Traurigkeit. Liebe kommt und geht, so ist das Leben- der Möhrenkuchen  oder besser das Möhrenkuchenrezept das bleibt.

Die Sache mit dem Moin

15. Mai 2015

DSCN6580-001Je öfter ich mich auf dem Festland aufhalte und je kürzer die Abstände zwischen diesen Ausflügen sind umso empfindlicher reagiere ich auf Krach und Lärm. Letzte Woche logierte ich in einem Hotel mit schalldichtgeschützten Fenstern. Nachts bei offenem Fenster schlafen war angesichts der unter mir brodelnden Kreuzung, nicht nur aufgrund der die  zulässige Dezibelgrenze durchbrechenden Lautstärke, sondern besonders auch aufgrund des miesen Gestankes, nicht möglich. Hektik und Lärm nerven mich. Immer weniger nutze ich inmitten der Grossstadthektik meine Kopfhörer, um mich in klassisch, akkustisch exzellente Welten zu träumen. Während eines Festlandsausfluges höre ich immer weniger Musik. Das hat mir in den vergangenen Wochen einen völlig neuen Horizont eröffnet. Ich entwickle zunehmend eine Schwäche für Cafés und Parks in denen ich mich entspannt nierderlasse. Ich beobachte und lausche,den Gesprächen um mich herum all den Menschen die an mir vorbei ziehen.  Stundenlang schaue ich dem  Strom der gehetzten Menschen fasziniert hinterher. Beständig und leise brummend schaufelt er emsige Menschen von einem Ort zum anderen, ergisst sich in ShoppingMalls und Strassen, Ubahnen, Züge, Flughäfen. Hin und wieder wird der  Fluss kanalisierter Grossstädter von entspannungssuchenden, zumeist Päärchen im fortgeschrittenen Alter, Menschen unterbrochen. Wie im Wind taumelnde Blätter tänzeln sie durch die MenschenWogen, rempeln hier und da wen an, werden vor und zurückgeworfen, schwanken und lassen sich  erschöpft auf einer Bank nieder. Von der sicheren Insel aus betrachten sie staunend, sinnierend, träumend den rauschenden Fluss.

Die fehlende Beschallung lässt mich hin-und wieder Zeuge ganz bezaubernder  Dialoge werden.  Neulich zum Beispiel im ICE nach Kopenhagen.

„Moinmoin in allen Dialekten.“ Aha –   Urlauber auf ErstinselBesuch. Himmelfahrt und Pfingsten standen vor der Tür.   Irgendwer hat Ihnen erzählt das Moin die landläufige Begrüssung ist. Das ist korrekt. Nicht korrekt ist das übertrieben laut, gedoppelte und gesungene Grusswort. Um es ganz genau zu machen schmettert der Durchschnittstourist sein Moin gerne doppelt, falsch betont und ganz laut in den Raum.  Natürlich wundert er sich das wir ihm  einen schönen Urlaub wünschen. Nichts lag Ihm ferner als das er bereits vor der Brücke vom Festland zur Insel als Urlauber geoutet wird.  Schließlich hat er wochenlang die korrekte Intonation des norddeutschen Grusses geübt.

„Mama! Mama! MaMaaaa! Jetzt schau doch mal, alles gelb hier. Ooooooooooh, Aaaaaaaaaah ist das gelb hier. Mama!!!! das hört gar nicht auf.“ (circa 3 Jahre beim Anblick der Rapsfelder)

„Boah Mama!Mama! jetzt schau mal ist das da Meeeeeer?! Oooooooooooh so gross.“

„Mama! jetzt schau doch mal was für ein riesiger See.“ (noch mehr Knirpse)

Kindern, auf dem Weg ans Meer zuzuhören, ist fast mit am Schönsten. Diese unbekümmerte Vorfreude. All die Aaaah`s und Oooooh’s. Das Meer ist ja sooooo aufregend. Da kann kaum ein DisneyBlockbuster mithalten. Wahrscheinlich haben sie wirklich noch nie blühenden Raps gesehen. Kann sein. Ich war letztens im Rhein-Main-Gebiet. Ich habe es nur spärlich hier und da gelb leuchten sehen.

Da werden Schwimmflügel raus gekramt. Niveabälle aufgepustet und mit Sonnencreme gepanscht. Würden die Mütter nicht vorsorglich die Strandschaufeln konfiszieren dann begönnen die Knirpse bereits im Zug mit dem Sandburgenbau.

Erwachsene plagen hingegen andere Sorgen auf dem Weg in den einsamen entfernten Norden.

„Wir müssen auf jeden Fall noch einkaufen. Hoffentlich haben die dort einen Supermarkt. Die essen doch auch diese kleinen komischen Pfannkuchen oder?!“

Lieber Besucher, wir essen ganz normal Du haben keine keinen schuppig grünen Schwanz und erfreuen uns nicht an Schwimmhäuten zwischen den Fingern ( die wünschte ich mir manchmal tatsächlich), wir spucken kein Feuer und gehen zum Pinkeln auf’s klo. Wir wohnen in festen Häusern, mähen unseren Rasen und haben das Auto zum Sonntag hin auch ganz gern geputzt. Morgens bevorzugen wir Müsli’s, frische Brötchen, einen heissen Kaffee und die Tageszeitung. Vielleicht ist unser Fisch einen Hauch frischer als Tiefkühldorsch. Ansonsten, wage ich zu behaupten, unterscheiden wir uns wenig von Euch. Vielleicht ist unsere Haut etwas dicker von der vielen Sonne und den eisigen Nordwinden. Naja und unser Charme ist vielleicht ein wenig rauh aber deswegen nicht weniger herzlich.  Hier wird niemand gebissen. Manchmal fluchen wir über zu viele Besucher, verstopfte Strassen und aus den Nähten platzende Parkplätze. Meistens besonders dann, wenn wir mal wieder zu spät das Haus verlassen haben, um zur Arbeit zu kommen oder im Supermarkt ohne Einkaufszettel waren und die Hälfte der Sachen vergassen.

„Hast Du genug Bargeld eingesteckt? Im Reiseführer steht nichts von einem Geldautomaten. Hoffentlich ist es nicht zu kalt dort oben. Ich hab nur einen Pullover mit.“

„Mama!!!!!Mamaaaaaa!!!!!!! Jetzt schau mal bitte dieses riesige Schiff. Da fährt sogar ein Zug gerade rein. Hoffentlich gehen wir nicht unter…..“

Alles neu macht der Mai

30. April 2015

1-DSC_0132Er ist der Wonnemonat. Ab morgen schlagen, glaubt man den Volksweisen,  die Bäume aus, eine hell strahlende Sonne lacht vom Himmel und weiße Wolken küssen den Horizont. Trällernde Lerchen, Gefühle sprudeln über, Linden rauschen und fesche Bauernburschen ziehen übers Land.  Sie schlummern unterm  blauen Sternenzelt und träumen von der Liebe. Fett gelb strahlender Raps unter einem tiefblauen Himmel, frische Farben zieren den Feldesrain, zartes Buchengrün  leuchtet frech am Waldessaum. Das Leben pulsiert, sich mehrende, vermehrende Natur, es zieht in den Lenden, Schmetterlinge flattern im Bauch. Des Frühlings Vorhang ist gehoben, winters Grau wurde mit einem sanft goldenen Schein aufgehübscht.

Karibisch glitzerndes Türkis, klares Flaschengrün durchwirkt das Meer. Es lockt zum Bade, auch wenn es nur für das Antesten mit dem grossen Zeh reicht. Trotzdem- unbezahlbar das Gefühl zum ersten Mal nach all den dunklen Monaten, die Strümpfe von den Füssen zu streifen und barfuss im (lau)warmen Sand zu versinken. Millionen feiner Sandkörner rieseln durch die Zehen. Endlose  Sonnenstunden in windgeschützten Dünen warten auf uns. In ein paar Tagen wird sich der lang ersehnte Ostwind an unseren Küsten einstellen. Morgens schlummern die Wellen noch sanft im morgendlichen Licht, gegen mittag beginnen sie an sich im Sonnenlicht zu strecken und zu recken, sie wispern leise und muntererbis sie am  nachmittag nahezu fehlerfrei über den tiefblauen Sund tänzeln. Zum Abend hin wird Ihr Rhytmus weicher, die Beats sanfter,  purpur glühend senkt sich die Sonne zum Meer.  Bald schläft die Thermik  ein und überlässt glücklichen Surfern die Regie am Mischpult der Musik.

Maientanz- pure Lebensfreude sprudelt in diesen Wochen. Auf den Strassen lachen die Menschen, Hausfrauen pfeifen fröhlich und falsch, wenn sie zum ersten Mal die Wäsche wieder draussen aufhängen können. Unvergleichlich dieser Duft von frischer, windgetrockneter Wäsche. Das kann nur der Mai! Die Luft ist sauberer, Amseln die glockenhell und beharrlich  unseren Schlaf unterbrechen, Katzen beziehungsweise Nachbars Kater der sich lautstark unterm Schlafzimmerfenster nach Bräuten umschaut, konzertierende Frösche an Nachbars Gartenteich, hungrige Lämmer auf der Suche nach Mutters Euter lärmen auf dem Deich, quitschende Enten wackeln Mama und Papa hinterher. Uns verzaubernde Natur-  der Mai ist laut und bunt und turbulent und ganz besonders süss; irgendwie! Wahrscheinlich tanzt der Mensch deswegen seit jahrhunderten ganz gewaltig hinein in den Mai- immer munter rum um  den bunt geschmückten, mit Birkengrün verzierten Baum. Wenn die Buab’n den Madels den Hof machen und die Nacht zum Tage.

Endlich, endlich darf ich die Handschuhe beim Surfen am Strand zurücklassen. Noch ein paar Tage dann brauche ich auch keine dicken Neoprenschuhe mehr. Mai ist wie ein Befreiungsschlag von starren und einengenden Regeln, ein Kettensprengen, aufatmen, durchatmen, Licht in den Körper fluten lassen, sich den wärmenden Sonnenstrahlen und der Weite des Meeres einfach hingeben und geniessen. Mit allen Sinnen. Er ist frisch und grün, zart und bunt, sattgelb und klar- der Mai. Der Monat mit den meisten Premieren. Der erste Spargel- ein Hochgenuss. Die ersten Erdbeeren, frisch vom Feld- prickelnde, die Zunge überziehende Süsse. Kräuterküche- intensive Düfte stehlen sich durchs Haus, scharfer Bärlauch, würzige Petersilie, aromatischer Rosmarin, zart duftender Salbei der neu zum Leben erwacht. Es ist so wunderbar, all die Düfte wieder in sich aufsaugen zu können. Jeden Tag meldet sich ein anderes Gewächs im Garten aus dem Winterschlaf zurück. Je nachdem wie kalt oder mild der Inselwinter war, sind sie mehr oder weniger gebeutelt. Nur noch wenige Wochen trennen mich von der Holunderblüte. Das letzte Glas des köstlichsten aller Gelees ist bereits fast geleert. Bald tauche ich die intensiv duftenden Blüten wieder über Nacht in Apfelsaft und koche sie am folgenden Tag zu Gelee ein.

Der Mai. Inzwischen ist das Land zwischen Sund und Belt bereits wieder fest in Urlauberhand. An verregneten Nachmittagen verstopfen sie die Innenstadt. Lockt die Sonne halten sie flugs ihre grossstadtblassen Nasen dem goldenen Stern entgegen. In aller Seelenruhe gondeln sie über die Inselwege. Wer beim Fahrradradeln Einsamkeit sucht muss sich morgens auf die Suche machen oder bis zum Spätherbst warten. Leere Strände dauern noch mindestens ein halbes Jahr und ist Wind angesagt, bevökern mit lustigen Surfern beladene Busse die Camping- und Parkplätze. Ab 5 Bft. ist das Meer kunterbunt von hunderten Segeln und Kites. Der Sommer ist ganz nah, die schönste Zeit des Jahres eingeläutet-  Geniessen, inhalieren, loslassen, atmen….freuen, das Glück bewahren, in sich einschliessen- den Mai so feiern wie es ihm gebührt. Mit einem Tanz um den Maibaum.

Berge&Meer

18. April 2015

20150315_113624Was dem einen die Ruhe in den Bergen ist dem anderen der Klang der Wellen, das Summen, Rauschen, Tosen der Ozeane. Berge und Meer, Meer und Berge? Beides oder nur eines? Sommersonne am Strand oder Winterspass im Tiefschnee? Die Sehnsucht nach Weite, der Traum von grenzenloser Freiheit, Salz auf der Haut oder berauschender Weitblick auf der Berge Gipfel? Der Ruf der Natur, Pureness, Reinheit, Frische, Luft, Atmen, Glück. Gerade jetzt im Frühjahr treibt’s uns wieder mehr nach draussen. Langsam schält sich der graue Schleier des Winters von unserem Gesicht, rötet die Sonne unsere Wangen und zaubert glitzernde Sterne auf die Nase. Draussen ist es am Schönsten! Egal ob in 2000 Metern über dem Meer oder auf den Wellen des Ozeanes.  Ob barfuss im Sand die Zehen mit den auslaufenden Wellen kokettieren oder die Schneeschuhe im frisch gefallenen Kristall einsinken. Natur fasziniert, Berge und Meer. Und die Branche ist drauf eingestellt. Natur pur rund um die Uhr.  Wenn in den Bergen langsam Ruhe einkehrt, sich nach Ostern die Saison dem Ende neigt, die Einheimischen den verdienten Urlaub und die dringend benötigte Erholung jeden Tag in greifbarerer Nähe haben, beginnt der Puls der Saison im Norden langsam an den Takt zu erhöhen. In den Alpen kehrt Beschaulichkeit ein.  Hier dreht sich das sommerliche Urlaubskarussell jeden Tag ein wenig schneller.  Auf des Berges Höhen verstummt Helenes Atemlos, in der Beachbar schallt Micky Krause aus der Jukebox. Wenn die Liftanlagen  verträumt im Sonnenlicht schlummern, karren die Traktoren behutsam die Yachten der Wochenendsegler aus dem Winterlager in den Hafen. Eine faszinierende Aktion, die zu beobachten jedes Jahr den Winter aus- und die Saison einläutet.  Dort werden Kühe werden auf den Berg getrieben, wo sie den Sommer über gesunde, fette Milch liefern, hier müssen die Hunde am Strand wieder an der Leine laufen. Wenn in  Sankt Peter Ording die Supermärkte Sonntags  wieder ihre Pforten öffnen, verabschiedet sich  im Tal  der ansässige Bäcker in den Campingurlaub am Gardasee. Der Winter kehrt sich zum Sommer. Im Norden schleppen Gastwirte  blank geputzte Tische und Stühle auf die Terassen, die Strandkörbe übernehmen vom Seegras saisonale Macht an der Wasserkante.  Marktschreiern gleich buhlen die Fischkneipen um zahlende und zufriedene Kundtschaft.  Auf der Wildereralm lehnt sich der Sepp genüsslich im Sessel zurück und macht Kasse. Während im Norden die Hotel- und Campingplatzbesitzer noch vor einem verregneten Sommer zittern, hat er sich bereits ein kühles Weizen o’zapft und geniesst den ersten Sonnenuntergang allein auf seiner Hütte.  Wohlige Ruhe breitet sich aus, der Ruf des Falken wird nicht vom Gejuchze der Skijugend übertönt. Weit weg im Norden macht sich energisches Autogehupe breit, wenn die engen Inselstrassen plötzlich wieder von staunenden Inselbesuchern verstopft sind.  Stau von und zum Aldi, den Edeka besuchen kluge Menschen nur noch morgens zwischen sieben und acht. Später am Tage bist Du schneller, wenn Du den Einkauf nach Lübeck verlagerst.  Zu Ostern und Pfingsten erklären sich die gigantischen Dimensionen der Inselparkplätze quasi ganz von selbst.  Am Dachstein werden jetzt die Fensterläden geschlossen, fahren Taxen vor, um Koffer, Taschen und  Almwirte einzupacken und Richtung Flughafen abzuschwirren. Endlich Offsaison. Ein bisschen durchatmen bevor die Sommergäste, wenn auch sehr viel samtpfotiger als der Skizirkus, eintrudeln. Der gemeine Insulaner entschwindet nach dem Jahreswechsel an den Strand der Karibik oder in das Weiss der tief verschneiten Alpen. Unsere alpinen Freunde machen das fast deckungsgleich, nur zeitversetzt.  Lediglich ein paar hartgesottene Saisonarbeiter tauschen im Sommer die Lederhose gegen das Fischerhemd. Wundert Euch nicht,  wenn der Sepp von der Wildereralm in der Schatzkiste von Sankt Peter Böhl Hamburger Pannfisch serviert. Es gibt Menschen die bekommen vom Trubel nicht genug und erfreuen uns dafür mit ihrem bezaubernden Wiener Schmäh am Strand der Nordsee.

Strandgut

22. Februar 2015

20150222_125505Darf ich vorstellen? Neptuns Krone! Hab ich heut am Strand gefunden!
Käme jemand auf die Idee eine Umfrage zu starten, die die Leute fragt, wo denn die glücklichsten Leute wohnen. Insulaner wären ziemlich weit vorn. Wahrscheinlich Kopf an Kopf mit dem Oberallgäu, Herrsching und dem Tölzer Land.
Zum meinem Glück gehören neben viel Wind und Sonne, dem Meer und Paul auch weniger Wind mit Sonne, dem Mehr und Fridolin, meinem Fahrrad. Ich bin ein glücklicher Mensch- ein glücklicher Insulaner.
Regelmässig lenke ich den handgefertigten Drahtesel über die Insel. Ich kann mich so richtig darin verlieren neue Wege zu entdecken, die Runde zu vergrössern oder gänzlich neue Inselflecken zu finden. An jeder Ecke öffnet sich ein neuer Horizont, das Meer lockt Dich von überall. Mal säuselt es ganz leise, mal trommeln die Wellen energisch an den Strand. Mit Fridolin die Insel im Wandel der Jahreszeiten zu durchstreifen- ein grosses Glück. Ein Privileg.
Ich bin ein priveligierter, glücklicher Insulaner.
DSCN0623Manch einer meint ja wir leben hinter dem Mond und dann rechts. Ich finde es ganz praktisch vom Elend der Welt nur die Hälfte mitzubekommen. Griechenland ist nur halb so arm, es gibt nur 50% an Kriegen und Alterarmut ist auch nur ein Nischenproblem. Hier auf der Insel ist die Welt noch in Ordnung. Da schälen sich nach einem milden Winter bereits im Februar die Krokusse aus dem Winterpelz, werden jedes Jahr 6 Wochen vor Ostern die Terassen und Restaurantgärten für die Saison präpariert, fallen alljährlich am Gründonnerstag die Touristen ein und lassen erstaunte Inselmenschen – „Ja ist denn schon wieder Saison?“- vor einem randvollen Edekaparkplatz kapitulieren, hier auf der Insel gleicht eine Fahrradrunde der anderen und ist doch so verschieden von allen anderen.
Ich fahr tatsächlich (fast) immer dieselbe Runde und lasse mich von der Faszination Sonne, Meer und Strand einfangen. Jedes Mal ist etwas anders. Ein Baum der den letzten Orkan nicht überstanden hat, Bernstein vom Oststurm und der Strömung auf dem Strand abgelegt, verwitterte Geschichten erzählende Holzstücke und jede Menge Hühnergötter. Auf meiner Route gibt es eine Stelle an der ich bequem Fridolin abstellen kann, ohne ihn aus den Augen lassen zu müssen, und ein Stück am Wasser entlangschlendern kann. Hier kehre ich zu gerne ein und verlängere meine Radeltour um unbestimmte Zeit. Musse für Meditation, Auszeit, Ruhezeit, Zeit zum Atmen, sich treiben lassen,loslassen…. Ganz frei fühle ich mich hier auf den Buhnen, frei und leicht und Herrin über den Wellenklang. Diesen meist sanften Tönen zu lauschen, manchmal infernale Arien und brausendes Trommeln aufsaugen, piano, mezzo, forte- von Sopran bis Bariton aber immer Geschichten vom Meer und der Weite säuselnd. Ein Traum, mein Traum- nein mein Luxus, mein kleines persönliches, glückbringendes Privileg.
Ich bringe von jeder dieser Touren Strandsammelsurium mit. Hühnergötter weil sie Glück bringen, Glasscherben in den unterschiedlichsten Grün- Blau und Türkistönen, Donnerkeile und ein jedes Fundstück mit einer geheimnisvollen Geschichte. Der Donnerkeil- welchem Tintenfisch er wohl einst die Krake machte, die Flaschenscherben- waren sie Bier – oder Brauseflaschen, haben sie lachenden Kinder in den Ferien die Selter gespeichert, die Holzstücken verwittert und vom Meer geschliffen. Es ist alles wunderschön sanft geschwungen und  unkantig, wenn es an den Strand geworfen wird. Das Meer mit seiner wiegenden Art betätigt sich als Weichzeichner für spätere Dekoschätze.
Ich bin ein glücklicher Insulaner.
Nehm mir noch einen satten Atemzug aus dem Meer und wünsch Euch einen schicken restlichen Sonntag.

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